Fisch des Jahres 2017

Der Seesaibling

(Salvelinus umbla)

Foto: Wolfgang Hauer, www.hauer-naturfoto.at

 

Als Fisch des Jahres soll immer eine Fischart in den Vordergrund gestellt werden, um deren Bestand man sich Sorge machen muss. Namhafte Fischereigremien Österreichs haben sich 2005 für den Seesaibling ausgesprochen und damit nicht nur eine bedrohte, sondern auch eine außerordentlich attraktive Fischart gewählt. 

 

Die weitreichende Zerstörung der Naturräume und seiner Bewohner als Folge der Zivilisation bedroht unter anderem auch den Seesaibling, weshalb namhafte Wissenschaftler bereits in den 1980er Jahren zur weltweiten charr watch („Saiblingswache“) aufriefen. 

 

Der Seesaibling (Salvelinus umbla L.) – in älterer Literatur Salvelinus alpinus – gehört zu einer sehr variablen Gattung der Salmoniden, weshalb die taxonomische und nomenklatorische Situation sehr verwirrend ist, wie man auch an der erst kürzlich vollzogenen Änderung des Artnamens (Kottelat 1997) erkennen kann. 

 

Die Gattung Salvelinus ist holarktisch verbreitet, sie kommt also auf der ganzen Nordhalbkugel vor; die Grenze der südlichsten Verbreitung liegt um den 45. Breitengrad. Die Seesaiblinge treten in verschiedenen Erscheinungsformen auf. Johnson (1980) stellt für die Seesaiblinge eine Eigenschaft besonders heraus – das Vorkommen sympatrischer Populationen, das in seiner Ausbildung und Häufigkeit charakteristisch und einzigartig für diese Art ist. (Sympatrie: Populationen gleicher Art verschiedener Ausbildung im selben Verbreitungsgebiet).

 

Jede Form ist durch ein oder die Kombination folgender Merkmale erkennbar:

 

  • Tiefenverteilung
  • Größe bei der Geschlechtsreife
  • Zeit und Ort des Laichens
  • Anadrom oder nicht wandernd
  • Kleinere morphologische Unterschiede, besonders Färbung, Körperproportionen, Kiemenreusendornen

  

Dem Auftreten verschiedener Erscheinungsformen wurde in der bisherigen „Lehrmeinung“ mit der Einteilung in Wildfangsaibling, Normalsaibling, Tiefensaibling und Schwarzreuter Rechnung getragen.

 

Im Sinne des Artenschutzes sollte man jedoch gerade diese Erscheinung des Auftretens gewässerspezifischer Formen im Auge behalten. Jeder Saiblingsee wies ursprünglich eine ihm eigene, typische Saiblingsform auf. Es ist von großer Bedeutung diese Formenvielfalt in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten. Dieser Tatsache sollte auch bei künftigen Einstufungen des Seesaiblings nach den Kategorien der Gefährdung gemäß IUCN-Kriterien größtes Augenmerk geschenkt werden. 

 

Der Seesaibling ist einer der am extremsten an tiefe Wassertemperaturen angepasste Süßwasserfisch, er ist praktisch bis fast zum Gefrierpunkt des Wassers voll aktiv. Gegenüber höheren Temperaturen ist er allerdings sehr empfindlich – Die Letalgrenze für Adulte liegt bei 21 – 22 ºC, Laich stirbt bereits bei 12 ºC ab.

 

Seesaiblinge sind auch sehr anspruchsvoll, was den Sauerstoffgehalt der Gewässer anbelangt. Die kritische Sauerstoffgrenze liegt zwischen 4,5 und 6 mg O2 / l . 

 

Seesaiblinge ernähren sich hauptsächlich von Zooplankton (besonders im Sommer) und Benthosorganismen (besonders im Winter). In Hochgebirgsseen spielt auch die Anflugnahrung in der eisfreien Zeit ein große Rolle. Räuberische Lebensweise und Kannibalismus kommt eher selten vor (Wildfangsaiblinge). 

 

Der Eintritt der Geschlechtsreife schwankt bei den Seesaiblingen von Population zu Population sehr stark und liegt zumeist zwischen 2. und 6. Jahr. Die Laichzeit fällt bei den alpinen Populationen in die Zeit zwischen Oktober und Jänner. Bei Populationen von Saiblingen in tiefen Seen (z.B. Attersee) kann man zu allen Jahreszeiten laichreife Individuen antreffen. 

 

Seesaiblinge laichen zumeist an grobsteinigen Plätzen in Ufernähe aber auch in großen Tiefen. In manchen Seen gibt es auch Populationen, die zum Laichen in die Zuflüsse aufsteigen (z.B. Lunzer See). 

 

Der Seesaibling ist Leitfisch der höher gelegenen großen Alpenseen (Gassner et al. 2002). In vielen Seen gilt die Art als autochthon, doch wurden sie bereits im Mittelalter in zahlreiche, ursprünglich fischfreie Gebirgs- und Hochgebirgsseen eingesetzt. Zu Mitte des 19. Jahrhunderts war der Seesaibling in 58% der 43 großen österreichischen Seen (> 50 ha) als natürlich vorkommend beschrieben. Heute gibt es in 70 % dieser Seen Populationen des Seesaiblings. Im Irrsee (O.Ö.) ist der Seesaibling in der Mitte des 20. Jhdts. ausgestorben. 

 

Leider gibt es nur mehr ganz wenige Seen, in denen die Seesaiblingspopulationen in ihrer Ursprünglichkeit erhalten sind. Durch Einbringen von Besatzfischen aus anderen Alpenseen, aus Nordeuropa und Nordamerika gibt es vielerorts nur noch Mischpopulationen. Zur Aufklärung der Zugehörigkeit der verschiedenen Populationen sind populationsgenetische Untersuchungen nötig und z.T. bereits im Gange. 

 

Text von Hofrat Dr. Albert Jagsch 

 

Literatur: 

Gassner, H., Zick, D., Wanzenböck, J., Lahnsteiner, B., Tischler, G.,2003. Die Fischartengemein­schaften der großen österreichischen Seen. Schriftenreihe des BAW, Band 18, Wien, 83 pp. + Anhang.

 

Johnson, L. 1980. The arctic charr, Salvelinus alpinus, p. 15 – 98 in: E.K.Baöon (ed.): Charrs. Salmonid fishes of the Genus Salvelinus. Dr.W.Junk Publishers, The Hague.

 

Kottelat, M., 1997. European freshwater fishes. An heuristic checklist of the freshwater fishes of Europe (exclusive of former USSR), with an introduction for non-systematists and comments on nomenclature and conservation. Biologia, Bratislava, 52/Suppl. 5: 1–271.

 

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